| Zeit ist eine mentale Konstruktion, die durch das 'Jetzt' die Vergangenheit von der Zukunft trennt. Untersucht man die Denk- und Verhaltensmuster verschiedener Kulturen, so stellt man fest, dass das 'Jetzt' als Gegenwart bei allen untersuchten Kulturen eine Dauer von ca. 3 Sekunden hat. Dieses scheint durch die Kapazität des Ultrakurzzeitgedächtnisses bestimmt zu sein. Viele elementare Bewegungen und Handlungen eines Menschen, aber auch das Erfassen von Zeit- und Raummustern scheinen sich an diesem Wert zu orientieren.Diese Fähigkeit der Zeiteinteilung in Verbindung mit dem Gedächtnis zur Strukturierung der Vergangenheit (Erfahrung, Tradition) und der Zukunft (Planung) hat zweifellos mit zur "erfolgrei-chen" Verbreitung der Menschen auf diesem Planeten in den letzten 1 00.000 Jahren beigetragen. Dabei schuf die Sozialität des Menschen die Notwendigkeit der Objektivierung der Zeiteinteilung, um Tätigkeiten wie Jagen, leihweises Benutzen von Werkzeugen etc. koordinieren zu können. Vielleicht ist so auch der Brauch von Stammesgesängen mit hoher Synchronizität als eine Einübung von gemeinsamen Zeitmassstäben zu erklären. Andererseits ist genau wegen dieses Zusammenhangs unsere Zeitwahrnehmung immer mehr dahingehend funktionalisiert worden, unser Handeln im Sinne einer zeiteffektiven Lebensbewältigung zu beurteilen (Leistung als Arbeit/Energie pro Zeit). Zwangsläufig musste dieser Bewertungsmaßstab zur moralischen Höherwertigkeit von immer kürzeren Zeiträumen führen (Tagedieb als jemand, der "Zeit stiehlt", Geschwindigkeitsrekorde etc.)
Die Verselbstständigung dieses Gedankens hat mittlerweile zu der perversen Situation geführt, das andere Kriterium der Handlungen des Menschen, nämlich die Wirkung derselben (physikalisch ausgedrückt: Arbeit x Zeit) dermaßen zu vernachlässigen, dass das angestrebte Ziel nicht mehr erreicht wird. (Beispiel: Mehr Autos führen nicht zu erhöhter Mobilität) Die Zeit als quantifizierbares Wertgut (Chronometer, "Time is money") lässt demzufolge nur noch wenig Spielraum für subjektive Zeitwahrnehmungen, so dass sich selbst die 'Frei'-Zeit als solche ins Gegenteil verkehrt. Dieses spiegelt sich auch in der allgemeinen Wertschätzung bestimmter Musikformen wieder: der populäre Musikgeschmack bevorzugt Musik mit kleinen Mustern, teilweise kunstvoll variiert, die jedoch im-
mer bemüht sind, ein Höchstmaß an Synchronizität zu einem gemeinsamen Zeitmaß zu demonstrieren (klassische Orchester, Marschmusik, westlich-europäische Tanzmusik)
Andere, im Sinne des westlichen Lebensstandards nicht so erfolgreiche Kulturen haben dagegen Zeitspiele hervorgebracht und reflektieren damit auch eine andere Einstellung zur Zeit. Für mich sind die faszinierendsten dieser Zeitspiele das lnterlocking in der afrikanischen Musik und daraus abgeleitet die Musik des Protagonisten der Minimal-Music Steve Reich und Terry Riley: Durch die allmähliche Verschiebung von asynchronen Zeitstrukturen geht der objektive Zeitbezug verloren, es entstehen quasi als akustische Zeit-Täuschung subjektive Rhythmen im Geist des Zuhörers bzw. Mitspielers.
Die minimal music im oben beschriebenen Sinn ist ebensowenig populär wie die Musik John Cages, der sich im Bewusstsein um diese Zusammenhänge um den Ausschluss jeglicher Intention bemüht und damit die Funktionalität der Musik aufgehoben hat.
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